Der Irak wählt ein neues Parlament. Dem Land geht es besser als bei der letzten Wahl – dennoch sinkt seit Jahren die Wahlbeteiligung. Die wichtigsten Fragen und Antworten
11. November 2025, 7:51 Uhr
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Die Parlamentswahlen im Irak stehen bevor, doch die historisch niedrige Beteiligung deutet auf Probleme hin. Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und der politischen Stabilität sind viele Bürgerinnen und Bürger desillusioniert. Das komplexe Wahlsystem begünstigt etablierte Eliten und große Parteien, während Korruption und Vetternwirtschaft die politische Landschaft prägen. Die Bevölkerung leidet unter Arbeitslosigkeit, Armut und Versorgungsengpässen, während die Jugend keine Perspektiven sieht. Die Zukunft des Landes hängt von den Ergebnissen der Wahlen und den folgenden Verhandlungen zur Regierungsbildung ab.
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Im Irak wird vor allem entlang konfessioneller und ethnischer Grenzen gewählt. Im Bild: Anhänger mit einem Bild des Gouverneurs Asaad al-Eidani, der ebenfalls zur Wahl antritt.
IRAQ-POLITICS-ELECTIONS
Supporters hold a portrait of Governor of Basra Asaad al-Eidani during a campaign rally for the Tasmim Alliance ahead of Iraq’s parliamentary elections in the southern city of Basra, on November 7, 2025. Parliamentary elections are scheduled to be held in Iraq on November 11, 2025. (Photo by Hussein FALEH / AFP) (Photo by HUSSEIN FALEH/AFP via Getty Images)
IRAQ-POLITICS-ELECTIONS
Supporters hold a portrait of Governor of Basra Asaad al-Eidani during a campaign rally for the Tasmim Alliance ahead of Iraq’s parliamentary elections in the southern city of Basra, on November 7, 2025. Parliamentary elections are scheduled to be held in Iraq on November 11, 2025. (Photo by Hussein FALEH / AFP) (Photo by HUSSEIN FALEH/AFP via Getty Images)
© Hussein Faleh/AFP/Getty Images
In den vergangenen Jahren hat sich die Lage im Irak beruhigt. Der IS ist weitgehend besiegt, die Wirtschaft ist im Aufschwung, der Ministerpräsident gilt als beliebt. Dennoch rechnen Experten mit einer historisch niedrigen Beteiligung bei den Parlamentswahlen am Dienstag – was auch an einem korruptionsanfälligen Wahlsystem liegt. Antworten auf die wichtigsten Fragen:
Alle Fragen im Überblick:
Wie läuft die Wahl ab?
Am heutigen Dienstag stimmen die Irakerinnen und Iraker darüber ab, wer sie in Zukunft im Parlament vertreten wird. Wahlberechtigt sind rund 30 Millionen der 47 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Allerdings haben sich nur etwa 21 Millionen Menschen für die Wahl registriert. Ähnlich wie etwa in den USA ist eine solche Registrierung notwendig, um seine Stimme abgeben zu können.
Ein Teil der Wahlberechtigten hat bereits vorher gewählt. Für rund 1,3 Millionen Angehörige der Sicherheitskräfte sowie rund 26.000 Binnenvertriebene standen die Wahlkabinen schon am Sonntag offen. Die Wahlbeteiligung unter ihnen lag nach Angaben der Wahlleitungskommission bei rund 82,5 Prozent – den Angaben zufolge ein ungewöhnlich hoher Wert.
Was steht zur Wahl?
Gewählt werden insgesamt 329 Sitze im Parlament. Davon ist ein Viertel Frauen vorbehalten. Weitere 9 Sitze sind für Minderheiten wie Christen oder Jesiden reserviert. Die Wahlen finden alle vier Jahre statt.
Nach Auszählung der Stimmen beginnen die Verhandlungen über die Bildung der künftigen Regierung. Die wird laut einem Urteil des irakischen Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2010 von den Parteien gebildet, die sich in den Verhandlungen zur größten Koalition zusammenfinden – und nicht etwa durch das Ergebnis, das vor den Wahlen geschmiedete Parteienbündnisse gemeinsam eingefahren haben. Den Nachwahlverhandlungen kommt dadurch eine besonders große Bedeutung zu. In der Vergangenheit haben sie im Schnitt länger als sieben Monate gedauert.
© Lea Dohle
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Im Zuge der Verhandlungen müssen die Parteien sich auf die Posten für die höchsten Ämter im Staat einigen. Zunächst wird dabei der Parlamentssprecher bestimmt, danach folgt die Wahl des Staatspräsidenten, der weitgehend repräsentative Funktionen innehat. Zuletzt wird über die Besetzung des Ministerpräsidenten und seines Kabinetts entschieden.
Wer kandidiert für das Parlament?
Die politische Landschaft im Irak ist stark zersplittert. Zur Parlamentswahl treten 38 Parteien in 31 verschiedenen Bündnissen an, dazu kommen mehr als 70 unabhängige Listen. Insgesamt bewerben sich rund 7.800 Kandidaten, davon sind knapp 2.300 Frauen.
Gewählt wird traditionell entlang ethnischer und religiöser Trennlinien. Parteien verstehen sich vor allem als Interessenvertretung bestimmter Gruppen: von Schiiten, Sunniten oder Kurden, einflussreichen Stämmen oder lokalen Milizen. Mindestens 95 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, davon sind wiederum rund zwei Drittel Schiiten und ein Drittel Sunniten.
Rund 1,3 Millionen Angehörige der Sicherheitskräfte konnten bereits am Sonntag (Ortszeit) ihre Stimme abgeben. © Hussein Faleh/AFP/Getty Images
Viele der Bewerber und Parteienführer gehören seit langem zur politischen Elite des Landes. Darunter sind unter anderem die ehemaligen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki und Heider al-Abadi sowie der ehemalige Parlamentspräsident Mohammed al-Halbousi. Auch der einflussreiche Gouverneur Asaad al-Eidani aus der südlichen Provinz Basra tritt an. Große Chancen kann sich nach Einschätzung vieler Beobachter der sogenannte Koordinationsrahmen ausrechnen, ein schiitisches Parteienbündnis um den amtierenden Ministerpräsidenten al-Sudani. Er gilt in der Bevölkerung als beliebt.
Einer seiner bekanntester Gegner al-Sadr tritt dagegen gar nicht an. Er hat seine Anhänger aufgefordert, die Wahl zu boykottieren.
Unter welchen Bedingungen finden die Wahlen statt?
Faire und freie Wahlen sind im Irak nur bedingt gegeben. Laut einem Bericht von Wahlbeobachtern soll es bereits bei der Stimmabgabe am Sonntag zu zahlreichen Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Demnach wurden Wählerinnen und Wähler unter anderem von Sicherheitskräften und Parteivertretern unter Druck gesetzt und bedroht.
Im Vorfeld der Wahlen waren zudem rund 850 Kandidaten von den Wahlen ausgeschlossen worden, offiziell wegen Vorstrafen oder Bedenken in Bezug auf ihre Integrität. Die EU hat solche Ausschlüsse in der Vergangenheit als rechtlich zweifelhaft bezeichnet.
Experten zufolge finden die Wahlen unter ungleichen Bedingungen statt. Das Wahlsystem begünstige etablierte Parteien, die über eine große Wahlkampfkasse verfügen, heißt es in einer Analyse des US-amerikanischen Thinktanks Next Security Foundation. Und letzten Endes haben die Wählerinnen und Wähler nur begrenzt Einfluss darauf, wie sich die Regierung zusammensetzt. So ist dem Thinktank Chatham House zufolge Korruption und Ämterpatronage bei den Verhandlungen zur Regierungsbildung weitverbreitet.
Auch Sicherheitsbedenken spielen eine große Rolle. Im Oktober wurde der Wahlkampf von einem tödlichen Anschlag auf den sunnitischen Kandidaten Safaa al-Maschhadani überschattet. In der Hauptstadt Baghdad prägen zur Zeit Straßensperren und Militärfahrzeuge das Straßenbild, die weitere Attentate verhindern sollen.
Welche Themen haben den Wahlkampf bestimmt?
Im Wahlkampf standen vor allem Persönlichkeiten im Fokus. “Es ist eine Wahl, bei der prominente Männer im Hintergrund die Fäden ziehen”, sagt die Politologin Isabelle Werenfels von Stiftung Wissenschaft und Politik der ZEIT.
Demnach gibt es eigentlich Themen, die viele Menschen im Land umtreiben: Dazu gehören die volatile Sicherheitslage, die Energieknappheit und die prekäre wirtschaftliche Situation. Der amtierende Ministerpräsident al-Sudani, der große Investitions- und Bauprojekte angeschoben hat, warb darum in den vergangenen Wochen mit dem Bild eines Baukrans für seine Wiederwahl.
Im Wahlkampf hätten sich die Parteien allerdings vor allem auf allgemeine Forderungen nach wirtschaftlichem Aufschwung und unspezifische Kritik an der Korruption beschränkt. “Die Programmatik tritt hinter den konfessionellen und ethnischen Loyalitäten der Wählerinnen und Wähler zurück”, sagt Werenfels. Geworben werde stattdessen mit Bildern bekannter Politiker und Milizenführer, die an die Gruppenzugehörigkeit der Wähler appellieren.
Wie geht es den Menschen im Irak?
Die Sicherheitslage im Irak hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verbessert. So kamen nach Angaben der UN im Jahr 2023 zwar immer noch 153 Zivilisten bei Terroranschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen ums Leben. Das waren demnach allerdings 57 Prozent weniger als im Vorjahr und sogar 81 Prozent weniger als im Jahr 2021.
Auch wirtschaftlich hat die Regierung von al-Sudani einiges in die Wege geleitet. Sie steckt Rekordsummen in den Ausbau der Öl-, Gas- und Chemieindustrie und plant mit der sogenannten Entwicklungsstraße ein gewaltiges Infrastrukturprojekt, das Handelserlöse in die Staatskasse spülen soll.
Allerdings werden diese Investitionen weiterhin vor allem über die Einnahmen durch den Export von Erdöl finanziert. Dessen Preis ist zuletzt deutlich abgesunken. Ob die Rechnung aufgeht, ist also unklar: Die Prognosen der Volkswirte schwanken zwischen einem erwarteten Wirtschaftswachstum von drei Prozent und einem Minus von 1,5 Prozent für das Jahr 2025. Momentan leidet insbesondere die Jugend unter der grassierenden Arbeitslosigkeit von etwa 32 Prozent, 17,5 Prozent der Bevölkerung leben nach Angaben der Weltbank in Armut.
Dazu kommen Versorgungsengpässe. So muss der Irak trotz seines Ressourcenreichtumgs Gas aus dem Iran importieren, um seinen Energiebedarf zu decken. Immer wieder kommt es zu Stromausfällen. Der Irak gehört zudem nach Angaben der UN zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Im Süden des Landes kam es wegen einer Dürre zuletzt zu massiven Ernteausfällen.
Wie blicken die Menschen auf die Wahl?
In den vergangenen Jahren ist die Wahlbeteiligung im Irak immer weiter gesunken. Im Jahr 2021 lag sie auf einem historischen Tief von rund 41 Prozent. Beobachter rechnen damit, dass sie in diesem Jahr noch weiter sinken könnte.
Denn viele Menschen zeigen sich frustriert über das starre Wahlsystem. Zum einen werden im Irak Posten nach der sogenannten Muhasasa vergeben: Einem informellen Proporz-System, das einen Ausgleich zwischen den Interessen von Schiiten, Sunniten und Kurden schaffen soll. Üblicherweise werden die wichtigsten Ämter im Staat entlang dieser Gruppen aufgeteilt. Der Ministerpräsident ist Schiit, der Parlamentssprecher Sunnit und der Präsident Kurde. Auch in weiten Teilen der Beamtenschaft werden viele Posten entlang ethnischer und konfessioneller Zugehörigkeit ausgehandelt. In der Praxis führt das laut einer Analyse von Chatham House zu Korruption und Vetternwirtschaft.
Zum anderen begünstigt das komplexe Wahlsystem etablierte Eliten und große Parteien. Im Oktober 2019 demonstrierten darum Hundertausende für eine Reform des Wahlrechts. Die Regierung kam ihnen entgegen – nur um im Jahr 2023 die Reform wieder zurückzunehmen. Bei vielen Menschen dürfte sich somit der Eindruck gefestigt haben, an den herrschenden Verhältnissen wenig ändern zu können.
Auch die Äußerungen des einflussreichen Schiitenführers al-Sadr könnten das Ansehen der Parlamentswahlen weiter untergraben. Er sieht sich übervorteilt und hat seine Anhänger dazu aufgerufen, nicht an der Wahl teilzunehmen.