Jedes Jahr wird in Deutschland über ein Böllerverbot diskutiert. Während die Niederlande es im Sommer beschlossen haben, erzielt die Pyroindustrie hier Rekordumsätze.
3. Dezember 2025, 13:40 Uhr
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Ärzte und Polizei warnen vor den Gefahren von Feuerwerk, während der Bundesverband für Pyrotechnik von einer Anti-Feuerwerkskampagne spricht. Trotzdem verzeichnet die Pyroindustrie Rekordumsätze, während zahlreiche Organisationen ein Böllerverbot fordern. Argumente dafür sind Verletzungen, Umweltbelastung, Traumata bei Menschen und Stress für Tiere, während Gegner die Tradition und wirtschaftliche Aspekte betonen. Die Diskussion um ein Böllerverbot spaltet die Bevölkerung und die Parteien, während die Rechtslage den Umgang mit Feuerwerk regelt.
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Ein illegaler Böller explodiert während einer Pressevorführung der Berliner Feuerwehr in der Hand einer Puppe.
© (M) Soeren Stache/dpa
Manche warten das ganze Jahr, bis sie an Silvester ihre Böller zünden
können – und verlieren dann ihre Hand. Ärzteverbände und
die Polizei warnen Jahr für Jahr vor den Gefahren durch Feuerwerk. Der Bundesverband für
Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk hingegen spricht von einer
Anti-Feuerwerkskampagne, die zu emotional geführt werde. Die Pyroindustrie
verzeichnete in den vergangenen Jahren Rekordumsätze: 197 Millionen Euro
Gesamtumsatz erzielte die Branche zum Jahreswechsel. Auch in diesem
Jahr fordern zahlreiche Organisationen vor dem Jahreswechsel ein Böllerverbot.
Was spricht dafür – und wer dagegen? Ein Überblick
Alle Fragen im Überblick:
Wer fordert ein Verbot privater Pyrotechnik?
Ein breites Bündnis aus mehr als 50 Organisationen ruft in diesem Jahr unter dem Namen #böllerciao dazu auf, privates “Böllern” zu verbieten, darunter Polizeigewerkschaft,
Ärzteschaft, Tierschutzorganisationen, die Deutsche Umwelthilfe und das
Deutsche Kinderhilfswerk. Es sei höchste Zeit, der massiven Silvestergewalt wirksam
entgegenzutreten, fordert der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Jochen Kopelke. “Wir Polizistinnen und Polizisten sind es leid, jedes Jahr am
eigenen Leib zu spüren, was politische Untätigkeit anrichtet.”
Dem Bundesgeschäftsführer des
Deutschen Kinderhilfswerkes, Holger Hofmann, zufolge gehören Kinder und Jugendliche zu besonders gefährdeten Gruppen durch Silvesterböller. “Vor allem Kleinkinder, neurodiverse Kinder, Kinder mit Traumaerfahrung oder
einfach hoher Sensibilität leiden stark unter der Böllerei. Aufgrund ihres
höheren Atemvolumens im Verhältnis zur Körpergröße und ihrer höheren
Atemfrequenz atmen Kinder und Jugendliche die extremen Feinstaubkonzentrationen
besonders schnell ein, zudem kommt es jedes Jahr bei ihnen überproportional zu
schweren Augenverletzungen.”
Was spricht für ein Böllerverbot?
Zahlreiche Verletzte, Tote, Angriffe auf
Einsatzkräfte und die Folgen für Umwelt und Tiere: All das sind gängige Argumente
gegen das Zünden von Pyrotechnik. Allein beim Jahreswechsel 2024/25 wurden fünf Tote und Hunderte Verletzte gemeldet. Die häufigste Verletzungsart ist einer im European Journal
of Trauma and Emergency Surgery veröffentlichten Studie zufolge Verbrennung. Für
die Studie wurden Daten aus Traumazentren in Deutschland von 2017 bis 2013
untersucht. Zwei Drittel der Verletzten sind demnach männlich – und jung. Etwa
die Hälfte ist weniger als 24 Jahre alt, ein Drittel der Verletzten jünger als 14. Interessant ist auch: Die Mehrzahl der Verletzungen wird laut der Untersuchung durch legale
pyrotechnische Artikel verursacht. Lediglich schwere Verletzungen sind demnach oft auf
illegale Feuerwerkskörper zurückzuführen.
Dem Umweltbundesamt zufolge werden in Deutschland jährlich rund
2.050 Tonnen Feinstaub freigesetzt, der Großteil davon in der Silvesternacht. Das
ist etwa ein Prozent der gesamten Menge Feinstaub, die in Deutschland jährlich gemessen
wird. Die Luftbelastung ist am 1. Januar dadurch so hoch wie sonst nie im Jahr.
© Lea Dohle
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Feuerwerk kann zudem retraumatisieren. Aus Kriegsgebieten geflüchtete
Menschen können durch das Knallen der Feuerwerkskörper an entsprechende
Traumata erinnert, Ängste und körperliche Reaktionen hervorgerufen
werden.
Weniger gefährlich: Wunderkerzen © (M) Selim Sudheimer/Getty Images
Auch für Tiere bedeutet Silvester Stress – die meisten Halter wissen das. Dabei sind auch Nutztiere in Stallungen betroffen.
Masthühner etwa können durch die Geräusche in Panik verfallen und sich gegenseitig
tottrampeln oder ersticken. Hinzu kommt ein erhöhtes Brandrisiko: 2019 und 2020 gab
es nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe etwa 27 Brände in
Tierhaltungsbetrieben, die auf Silvesterböller oder -raketen zurückzuführen waren. In der Neujahrsnacht auf 2020 wurde das Affenhaus im Krefelder Zoo durch Himmelslaternen in Brand gesetzt – etwa 50 Tiere, darunter acht Menschenaffen, starben.
Plötzliches Knallen und
Lichtblitze können zudem bei Tieren Panik auslösen. Besonders Vögel
reagieren auf Feuerwerke. Studien zeigen,
dass sie an Silvester in immer größere Höhen aufsteigen, sich dort aber
kaum
orientieren können und unnötig viel Energie verbrauchen. Viele meiden
ihre gewohnten Rast- und Schlafgebiete tagelang, viele landen teils für
lange Zeit
nicht. Dieser physische Stress kann für die Tiere lebensbedrohlich sein.
Wie argumentieren Gegner eines Verbots?
Gegen ein Böllerverbot stellt sich unter anderem der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk. “Feuerwerk zum Jahreswechsel ist für Millionen Menschen in Deutschland
ein unverzichtbarer Brauch. Einmal im Jahr selbst die Funken sprühen zu
lassen, birgt eine besondere Faszination”, sagt dessen Geschäftsführer Christoph Kröpl. Der Verband fordert, stattdessen schärfer gegen illegale Feuerwerkskörper vorzugehen und kritisiert eine “Anti-Feuerwerkskampagne”.
In den vergangenen Jahren verzeichnete die Pyroindustrie immer wieder
Rekordumsätze. Der Vorsitzende des Verbands der pyrotechnischen Industrie, Thomas
Schreiber, sieht das kontinuierliche Wachstum als Argument gegen ein
Böllerverbot. “Wir freuen uns über diese große Nachfrage, beweist sie doch,
dass für viele Menschen Silvester und Feuerwerk untrennbar miteinander
verbunden sind und die Tradition hochgehalten wird”, teilte Schreiber Anfang
des Jahres mit.
2019, also vor der Coronapandemie, lag der Umsatz der Branche den Angaben
des Verbands zufolge bei 122 Millionen Euro. Nach der Pandemie, 2022, stieg er
auf 180 Millionen Euro, 2023 waren es ebenso viel und zum vergangenen
Jahreswechsel stieg er erneut auf 190 Millionen Euro. Die Importe von Feuerwerkskörpern stiegen dem Bundesamt für Statistik zufolge in diesem Jahr um mehr als 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Wo gibt es bereits Verbote?
Das Bündnis #böllerciao bezieht
sich seiner Forderung vor allem auf die Niederlande. Dort beschloss das
Parlament in diesem Jahr mit großer Mehrheit, dass Privatpersonen ab dem Jahreswechsel 2026/2027 keine Feuerwerkskörper mehr abbrennen dürfen. Anlass dafür ist die zunehmende Gewalt an Silvester in den vergangenen Jahren.
Aber
auch andere Länder haben strengere Regeln, was privates Feuerwerk
betrifft, darunter die USA, Australien oder Chile. Auch in Frankreich,
Irland, Italien, Österreich und der Schweiz gibt es strengere Auflagen
als bei uns.
Doch auch hierzulande gibt es Orte, an denen man
Feuerwerk entkommen kann. Viele Gemeinden haben etwa Verbotszonen für
Feuerwerk
eingerichtet. Auf den Nordseeinseln Amrum, Sylt, Föhr, Hallig Oland
und Spiekeroog ist das Zünden zudem strikt verboten. Das gilt generell
für jene
Küstenregionen, in denen es viele Reetdachhäuser gibt. Auch im Harz ist
es in
einigen Gemeinden ruhig, denn in dem Nationalpark gilt ein 250
Quadratkilometer
großes Feuerwerksverbot.
Wie steht die Bevölkerung zu einem Böllerverbot?
Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Mehrheit der Menschen
in Deutschland ein Böllerverbot befürwortet – zumindest, wenn es um das private
Zündeln geht. Einer Umfrage von YouGov zufolge wollen 63 Prozent der Befragten
Silvester ohne Feuerwerk feiern, nur fünf Prozent wollten sicher böllern. 24 Prozent
der Befragten sprachen sich für ein generelles Verbot für Feuerwerk aus,
weitere 34 Prozent würden nur öffentlich organisiertes Feuerwerk zulassen. Zum Anfang des Jahres hatten zudem mehr als 1,9 Millionen Menschen
eine Petition für ein bundesweites Böllerverbot unterschrieben.
Wie stehen die Parteien zu einem Böllerverbot?
Linke und Grüne befürworten ein Böllerverbot. Die Grünen
nahmen es vor der Bundestagswahl in ihr Wahlprogramm auf. Die Linksfraktion im
Bundestag brachte jüngst einen Antrag ein, der Städten und Gemeinden per
Verordnung mehr Spielraum bei Verboten gibt und später ein bundesweites Verbot
folgen soll.
Die von der SPD geführten Bundesländer konnten sich nach Informationen
des Tagesspiegels im Sommer auf eine gemeinsame Position einigen und fordern
Verbots- und ausgewiesene Erlaubniszonen für privates Silvesterfeuerwerk. Dagegen stellen sich die CDU-Innenminister. Politiker
der CDU haben sich bisher immer wieder ablehnend gegenüber einem Böllerverbot gezeigt, so sprach
sich der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, gegen ein
generelles Verbot aus, auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner lehnt das
ab. Ähnliches ist aus der CSU zu hören. Tenor ist dabei oft, dass ein
generelles Verbot jene bestrafen würde, die verantwortungsvoll böllern.
Wie ist die Rechtslage zu Feuerwerk?
Den Umgang mit Feuerwerk
regelt das sogenannte Sprengstoffgesetz. Es teilt Feuerwerkskörper in
vier
Kategorien ein – F1 bis F4. Zu Kleinstfeuerwerken der Kategorie F1
werden etwa
Wunderkerzen, Brummkreisel oder kleine Vulkane gezählt. Sie dürfen
ganzjährig
und von Menschen, die mindestens zwölf Jahre sind, verwendet werden. Das
klassische Silvesterfeuerwerk fällt in die zweite Kategorie. Für die
Verwendung von sogenannten Kleinfeuerwerken der
Kategorie F2 muss man 18 Jahre alt sein.
Das Sprengstoffgesetz regelt klar, wo Pyrotechnik nicht
gezündet werden darf: in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern,
Kinder-
und Altersheimen sowie besonders brandempfindlichen Gebäuden oder
Anlagen.
So ist das Zünden etwa in der Nähe von Reet- und Fachwerkhäusern
verboten. Zudem können Behörden Verbotszonen für das Abbrennen von
pyrotechnischen Gegenständen benennen. Solche Zonen gibt es in vielen
Gemeinden des Landes, etwa an der
Binnenalster in Hamburg oder in der Münchener Altstadt.
Ab 18 Uhr am 31. Dezember und bis sieben Uhr morgens am 1.
Januar dürfen Feuerwerkskörper der Kategorie F2 dann in den entsprechenden Gebieten gezündet werden. Danach ist ihr
Abbrennen wieder verboten – außer, man beantragt eine Ausnahmegenehmigung beim
Ordnungsamt, etwa für besondere Anlässe wie Geburtstage oder Hochzeiten.
Der Verkauf von F2-Feuerwerk ist nur an den letzten drei Tagen des Jahres
erlaubt und startet in der Regel am 29. Dezember.